Buch des Monats

RIVAZTEJU COLE – BLINDER FLECK

RIVAZ

„Auf der Strecke zwischen Montreux und Lausanne am nördlichen Saum des Genfer Sees hat man die spiegelnde Fläche des Sees bis nach Évian-les-Bains in Frankreich vor Augen.
Über steile Hänge windet man sich an den Weindörfern Corseaux, Saint-Saphorin, Rivaz und Chexbres vorbei, die Beine erfreuen sich an dem langen Weg über enge, alte, nur teilweise asphaltierte Straßen. Wir sind eine kleine Gruppe, wir gehen ganz für uns. In den Weinbergen arbeiten Leute. In einem liest ein Mann Beeren von Hand, mühsame Arbeit dem Anschein nach. Bald schon, nach einer weiteren halben Stunde Weges, werden wir die Weißweine des Lavaux kosten. Unsere Gaumen werden den Nektar der Landschaft genießen, die wir durchquert haben. Vorerst aber liegen unter uns die braunen Dächer kleiner Dörfer, und ein Paar Zwillingsbrüder, etwa zehn, kommt lachend die Straße herauf. »Wohnt ihr hier?« »Wir haben hier immer gewohnt!« »Gefällt es euch?« »Und wie!« Sie antworten unisono.
Ich mache an einem betonierten, mit einem Stück blauem Schutznetz beflaggten Vorsprung Rast, ein Blau von derselben Farbe wie der See. Es ist, als hätte etwas lange auf Reifung gewartet. Ein Windstoß fährt vom Wasser hoch. Der Netzvorhang regt sich, und plötzlich liegt alles frei. Die Schuppen fallen uns von den Augen. Die Landschaft tut sich auf. Wir sind nicht mehr allein: Sie sind bei uns, waren es die ganze Zeit, alle unsere Lebenden und Toten.“

© Teju Cole / aus „Blinder Fleck“

Teju Cole gehört zu den angesehensten Schriftstellern und Intellektuellen der Gegenwart, doch ebenso wichtig wie das Schreiben ist ihm das Fotografieren. Hier treffen beide Ausdrucksformen aufeinander: Mehr als 150 Fotografien und Texte verbinden sich zu einem lyrischen visuellen Essay.
2011 erlebte Teju Cole eine Zeit vorübergehender Erblindung. Danach stellte sich die Frage des Sehens neu, und er begann dieses fotografische Projekt. Die Bilder in seinem neuen Buch sind Dokumente von Jahren des Unterwegsseins: der Schatten eines Baumes in Upstate New York. Ein Schweizer Hotelzimmer. Ein junger Fremder im Kongo. Eine seltsame Konstellation in einem Berliner Park. Wir sehen, was er sah, was seine Erinnerung und Gedanken anstieß, während sich kurze Texte wie ein Voice-over über die Bilder legen – eine innere Stimme, konkret oder abstrakt, prosaisch oder rätselhaft. Teju Cole interessiert die Kontinuität von Orten, die singing line, die sie verbindet – und die Texturen, in denen sie sich unterscheiden. Und während seine Bilder etwas Konkretes dokumentieren, wird zugleich etwas sichtbar, was das Auge nicht erfasst.

Teju Cole,
geboren 1975, wuchs in Nigeria auf und kam als Jugendlicher in die USA. Er ist Kunsthistoriker, Schriftsteller und Fotograf und lehrt am Bard College. Er ist der Fotografiekritiker des New York Times Magazine und Autor der dort erscheinenden Kolumne On Photography. 2013 wurde er für Open City mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet. Teju Cole lebt in Brooklyn, New York.

Aus dem Englischen von Uda Strätling
Hanser, 352 Seiten, mit 150 farbigen Abbildungen, € 38,-

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