Gedicht des Monats

LES MURRAY – TRAUMBABWE

DAS JAHR DER BRENNOFENPORTRÄTS

Ich hatte noch mehr Bäume gepflanzt und kam herein.
Ich schwitzte und ließ mich quer über das Sofa
plumpsen. Du und Clare, ihr saßt am Mittagstisch
und sangt wie so oft mehrstimmige Lieder
die selbst ich als schön erkannte,
Mezzosopran und Sopran,
so nahm ich an. Du zwinkertest mir zu
und so zerfließend, wie mein Gesicht jetzt war
muß ich in dem Jahr ausgesehen haben
als du alle unsere Porträts liebevoll,
wunderschön, in flüssigem Öl
auf Keramikkacheln maltest, nur eine
oder höchstens zwei Farben auf einmal,
und sie, schräg eingekeilt, noch naß,
in Speiseeisdosen aus Plastik in die Stadt,
gebracht hast. Es war enkaustische Malerei,
die Photographie des antiken Rom, die sich
in aufeinanderfolgenden Bränden entwickelt,
bis sie losgelöst von aller Zeit lebt, transponiert
hinter eine vorher blanke Glasur.
Danach hast du noch ein paar Zierkacheln
für unseren Patchworkkamin gemacht, dann aufgehört.
Für die Kunst hast du echte Begabung. Aber es ist
verrückt: du bist nicht getrieben. Nicht besessen.

Leslie Allan („Les“) Murray, geboren 1938 in New South Wales/Australien, studierte in Sydney moderne Sprachen. Er war Preisträger zahlreicher renommierter Literaturpreise, unter anderen des Grace Leven Prize for Poetry, des T.S.Eliot Prize und der Queen’s Gold Medal for Poetry. 1995 gewann er den Petrarca-Preis. Seine Werke wurden in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt. Murray starb am 29. April 2019.

Aus dem australischen Englisch von Margitt Lehbert
Ammann, 86 Seiten, € 16,90

GEDICHT DES MONATS KINDERBUCHTIPPS JUGENDBUCHTIPPSBUCHTIPPSONLINE-SHOP
FABIAN HEINISCH web design | München