Gedicht des Monats

MARY JO BANG – ELEGIE

ODE AN DIE GESCHICHTE

Hätte sie sich nicht zu dem Jungen aufs Bett gelegt,
damals vor vielen Jahren, wo wären sie heute, fragte sie sich.
Sie und das Kind, das nie gewesen wäre und das jetzt
nicht mehr war. Sie wüsste nichts übers
Muttersein. Sie wüsste nichts vom
Tod. Sie wüsste nichts
von der Liebe. Diese drei Dinge waren ihr
zum Erinnern gegeben. Weckt mich, bitte, sagte sie,
wenn dieses Leben vorbei ist. Seht sie euch an – es ist, als
wären die Fenster der Nacht an ihre Augen genäht.

ODE TO HISTORY

Had she not lain on that bed with a boy
All those years ago, where would they be, she wondered.
She and the child that wouldn’t have been but was now
No more. She would know nothing
Of mothering. She would know nothing
Of death. She would know nothing
Of love. The three things she’d been given
To remember. Wake me up, please, she said,
When this life is over. Look at her – It’s as if
The windows of night have been sewn to her eyes.

Mary Jo Bang spricht in den Gedichten des Zyklus Elegie von der Erfahrung eines unerträglichen Verlusts: dem Tod ihres Sohnes. In Etappen durchleben wir als Leser den Trauerprozess, immer wieder kehren wir zu zwei verstörenden Themen zurück: zur sich im Trauern immer neu verzerrenden Wahrnehmung von Zeit und zur Erkenntnis, dass auch die Elegie eine Art von Vorstellung ist, in dem sich die Person im Schmerz aufspaltet und Inneres und Äußeres anscheinend unterschiedlichen Regieanweisungen folgen. Aus dem imaginierten Gespräch mit dem Abwesenden, der Selbstanklage, dem nagenden Gefühl von Schuld, dem Dauergefühl des Ungenügens angesichts des Geschehenen, entwickelt sich auch ein Dialog zwischen der Form der Gedichte und der Trauer. Die Gedichte berichten nicht – sie sind Erfahrung.

Mary Jo Bang,
geb. in Waynesville, Missouri, studierte zunächst Soziologie, arbeitete dann einige Jahre als Hilfsärztin, bevor sie erneut studierte, erst Fotografie in London und Jahre später Creative Writing in New York. Seit 1997 veröffentlichte sie bislang acht Gedichtbände. Elegie gewann den National Book Critics Circle Award, und die New York Times nannte es eines der wichtigsten Bücher des Jahres. Gerühmt wird sie auch immer wieder als Übersetzerin, unter anderem für ihre gewagte Übertragung von Dantes Inferno. Sie lebt und lehrt in St. Louis, Missouri.

Aus dem Englischen von Matthias Göritz und Uda Strätling
Wallstein, zweisprachige Ausgabe, 172 Seiten, € 20,-

 

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