Wintertipps
Véronique Bizot, Meine Krönung
Was braucht man mehr als eine Haushälterin und deren köstliche Linsengerichte? Gilbert Kaplan, unser Titelheld, ist zufrieden damit und mit seinem Leben. Vielleicht noch ab und an eine kleine Plauderstunde und ein Gläschen Wein mit seinem Nachbarn, einem alten Veterinär, wenn man sich elend fühlt oder erkältet ist. Der hat zwar auch keine Ahnung von Erkältungskrankheiten, dennoch fühlt man sich hinterher leichter und besser, fast geheilt, vor allem wenn Monsieur Kaplan aus seiner Pariser Wohnung dann noch dem Treiben auf den Straßen zuschauen kann. Wenn nur nicht dieser große Preis wäre, den man ihm neuerdings verleihen will. Es ist ihm peinlich, für etwas geehrt zu werden, das so viele Jahre zurückliegt und an das er sich nicht mehr erinnern kann. Erinnern tut er sich allerdings noch an viele kleine Episoden seines Lebens, z. B. an seine unglückliche Frau oder seinen eigenwilligen Sohn, den er so viele Jahre nicht mehr gesehen hat. Nach China fährt er aber auf jeden Fall nicht, die Chinesen haben ihn zwar eingeladen, aber das ist ihm zu weit und dort gibt es auch viel zu viele Menschen, die ihm unangenehm sind. Und einen neuen Anzug will er auch nicht haben. Am Besten er geht gar nicht zur Preisverleihung. Doch Madame Ambrunanz wünscht es sich so sehr! Véronique Bizot gelingt mit dieser knappen Novelle ein kleines Meisterwerk, das uns gerührt, melancholisch, nachdenklich, aber auch amüsiert und beschwingt zurücklässt.
Steidl Verlag, 128 Seiten, € 16,00
Robert Bober, Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
1950 schießt der Fotograf Robert Doisneau sein wohl berühmtestes Foto: ein sich küssendes Paar vor dem Pariser Rathaus ( „Baiser de l’Hotel de Ville“ ). Dies war eine Auftragsarbeit der Illustrierten „Life“ zu einer Reportage „Verliebte in Paris“. Ein Paar küsst sich auf der Straße, im Vordergrund ein Café, hinter ihnen Fußgänger, die vorbei laufen, Schatten von Autos. Links von ihnen die Säule einer Straßenlaterne. Die Uhren bleiben stehen, die Zeit steht still. Und genau dies gelingt Robert Bober mit seinem zauberhaften Roman, der im Paris Anfang der Sechziger Jahre spielt. Der Buchumschlag zeigt ein Foto von Doisneau: eine Straße, zwei Läden, die Besitzer schauen sich lachend an.Aber eigentlich ist das gar kein Roman, mehr eine Zeitreise, ein ethnografisches Wandern, ein Flanieren durch das Paris dieser Tage, ein Festhalten der Stimmung, der verloren gegangenen Bilder, verzaubert durch den Dreh des Films von Truffaut: „Jules und Jim“. Wir laufen mit den Augen Jeanne Moreaus durch die Straßen der Tuchmacher, Schuhmacher und Bäcker, der Kneipen und Bistros, erzählt aus der Perspektive von Bernard Appelbaum, einem Statisten in Truffauts Film, Kinoliebhaber und Flaneur, der auf der Suche nach den Orten und Bildern seiner Kindheit, nach den Spuren seines in Auschwitz ermordeten Vaters durch die Stadt streift und zugleich die Spuren der französischen Geschichte, von der Pariser Kommune bis zur Denunziation der jüdischen Mitbürger, versucht festzuhalten. In einem Ton einfach und klar nimmt uns Robert Bober mit in sein Paris und lässt uns „Chez Victor“ melancholisch mit einer Zigarette und einem Pastis zurück.
Kunstmann Verlag, 254 Seiten, € 19,90
Charles Dickens, Grosse Erwartungen
England in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Pip ist ein Waisenjunge, der in einem Dorf an der Mündung der Themse bei seiner Schwester, einer missgünstigen Hexe, und ihrem Lebensgefährten, einem grundehrlichen Schmied, aufwächst. Hier erlernt er das Handwerk eines Schmieds, als ihm unerwartet ein unbekannter Gönner ein Vermögen stiftet, damit er sich in London zu einem Gentleman ausbilden lassen kann. Ein lang ersehnter Wunsch geht für den Jungen in Erfüllung, endlich bekommt er seine Chance. Alles scheint wie ein wahrgewordener Traum, es fehlt nur noch seine heißersehnte Estella, die Liebe seines jungen Lebens. Dem heranwachsenden jungen Mann scheint es blendend zu gehen. Doch die Verstrickungen mehren sich, und die Vergangenheit macht sich in der Gegenwart bemerkbar...
Elegant die Beschreibung der Charaktere, noch hinreißender der Erzählfluss! Ein waschechtes Weihnachtsbuch, wenn möglich vor einem Kamin zu genießen! Für viele der schönste und reifste Roman Dickens'.
Hanser Verlag, 826 Seiten, € 34,90
Mathias Énard, Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
„ aber vergiss auch nicht, ihnen von Liebe und dergleichen zu erzählen“. Michelangelo reist von Italien in das Konstantinopel des frühen 16.Jahrhundert. Im Frühjahr 1506 verlässt er dort das Schiff, um auf Einladung des Sultans Bayezid II. eine Brücke über das Goldene Horn zu bauen. Obwohl kein Baumeister, reizt ihn die Aufgabe, zumal sein Rivale da Vinci sich schon vor ihm vergeblich an dem Projekt versucht hat. Dazu kommt sein Zorn auf Papst Julius II., der ihm den zustehenden Lohn für seine geleistete Arbeit verweigert und dieser neue Auftrag großzügige Bezahlung verspricht. Neben seiner Arbeit lässt er sich faszinieren von dieser orientalischen Metropole, der Vermischung der Kulturen und der Andersartigkeit des Lebens. Durch den Dichter Mesihi, der ihm als Begleiter zur Verfügung gestellt wird, lernt er die Tag- und Nachtseiten der Stadt kennen, und auch eine junge Frau, eine Tänzerin, die sein Innerstes berührt, eine neue verstörende Erfahrung für ihn. In kleinen Kapiteln, die der gebannte Leser für sich weiterträumen kann, wird eine reiche Geschichte erzählt, die so nicht passiert ist.
Berlin Verlag, 172 Seiten, € 17,90
Anne Enright, Anatomie einer Affäre
Gina lebt glücklich mit ihrem Mann Conor das komfortable Leben kinderloser, erfolgreicher Doppelverdiener. Sean lebt mit seiner Frau Aileen und der kleinen Tochter Evie, einem Problemkind mit epileptischen Anfällen und unberechenbaren Verhaltensweisen, in der Nachbarschaft von Ginas Schwester. In deren Garten sehen sich die beiden zum ersten Mal bei einer Party. Dieser Augenblick ist flüchtig, aber doch von einer solchen Eindringlichkeit, dass beide, als sie sich nach längerer Zeit wiedersehen, eine Affäre beginnen. Zeit der Heimlichkeit, Leidenschaft, der Atemlosigkeit, Sehnsucht, gestohlener Stunden. Bis zu dem Punkt, an dem beiden die Trümmer ihrer Ehen und ihr übriges Leben um die Ohren fliegen. Jetzt könnte ein gemeinsamer Alltag gelebt werden, aber ihre Beziehung ändert sich. Eine Geschichte wie viele andere auch in der heutigen Zeit, die Gina jetzt in der Rückblende sezierend, teilweise selbstironisch und mit klarem Blick erzählt, und eigentlich nicht besonders erwähnenswert. Doch “Hätte es das Kind nicht gegeben, wäre vielleicht nichts von alledem passiert“.
DVA, 311 Seiten, € 19,99
Tomas Espedal, GEHEN oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen
Der Norweger Tomas Espedal hat mit diesem Text eine faszinierende Studie vorgelegt, in der er sich den Berichten angesagter Pilgerreisen inklusiver spiritueller Erleuchtungsgarantien sinnreich verweigert. Hamsun, aber auch Rimbaud, sind Ahnen, in deren Fußstapfen sich Espedal begibt, sie könnten den Ton des Buches vorgegeben haben: Es geht darum, zum Unbekannten zu gelangen durch die Zügellosigkeit aller Sinne. Die Leiden sind enorm, aber man muss stark sein... Unterwegs in einem dunklen Anzug, Doc-Martens-Stiefeln und einem nur mit dem allernotwendigsten gepackten Rucksack, der ihm gleichzeitig als ausgesuchter Gesprächspartner dient, bricht Espedal auf, lässt alles hinter sich und zeigt sich uns als Flaneur, Landstreicher, aufmerksamer Beobachter und heiliger Trinker. Auf seinen Reisen durch Europa gelingen ihm dichte Reflexionen, in denen durch genaues Beobachten Tiefes gleichsam an der Oberfläche aufscheint. Eine Suche, ein Auf-dem-Weg-zu-sich-Selbst, die ganz dem Augenblick, der Langsamkeit der Zeit geschuldet ist. Wunderbar schillernd sein Aufenthalt in Paris, wo er den Pfaden Saties oder Giacomettis folgt, oder ein frühes erotisches Erlebnis mit seiner ersten Freundin in einem Hotel neu aufleben lässt.
Matthes & Seitz Berlin, 238 Seiten, € 19,90
Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000 Grad
In einer Garage an ihr Sterbebett gefesselt blickt Herbjörg, krebskrank und Kette rauchend, mit klarem Verstand (und diversen Facebook-Accounts) auf ihr achtzigjähriges Leben zurück. Ihre turbulente Lebensgeschichte führt durch ein Jahrhundert mit allen Höhen und Tiefen, von denen sie vor allem die Schattenseiten überdeutlich kennengelernt hat. Weder aber erwartet sie dafür Mitleid, noch bittet sie je um Entschuldigung für das, was sie anderen angetan hätte - und noch jetzt antut, denn keinesfalls bemüht sich Herbjörg auf ihre letzten Tage, die „nette ältere Dame von nebenan“ zu werden! Herbjörg rechtfertigt sich nicht für ihr Leben: Sie rechnet damit ab. Zynisch, böse und gehässig, selten melancholisch, aber niemals wehmütig.
Klett-Cotta Verlag, 400 Seiten, € 19,95
Esther Kinsky, Banatsko
Einer der schönsten, nachhaltigsten deutschsprachigen Romane dieses Jahres, der uns alle sogleich begeistert hat. „Von der obersten Stufe der fertigen Treppe sah ich den Wasserturm, die Kirchtürme, die Dächer, die Bäume am Fluss, die ihr Laub verloren, die Maisstrohhaufen in ferneren Gärten, die gelben, im Dämmer schimmernden Kürbisse, die bis zum Frost in ihrem welkigen strunkigen Blattwerk lagen, den Horizont. Das war die Fremde, in der ich angelangt war.“ Die Fremde ist das vergessene Grenzland zwischen Ungarn, Rumänien und Serbien, der Ort Battonya, den Esther Kinsky entdeckt und dort ein altes Haus kauft. In betörenden Schilderungen der Stille und Weite des Landes, der Natur im jahreszeitlichen Rhythmus, in der allmählich zunehmenden Vertrautheit und Zuneigung zu den Menschen dort, deren Sprache sie erst nicht versteht und sich nur langsam aneignen kann, entstehen wunderbare, sinnliche Impressionen von großer Klarheit und schlichter Schönheit. Ein ruhiges, stilles, manchmal melancholisches Buch, in dem die kleinen unscheinbaren Dinge zu leuchten beginnen und bleiben.
Matthes & Seitz, 246 Seiten, € 19,90
Jerzy Kosinski , Der bemalte Vogel
Polen 1939. Ein Junge, sechs Jahre alt, wird von seinen Eltern aus Angst vor den Nazis zu seiner Pflegemutter aufs Land geschickt. Doch diese stirbt bald darauf. Für ihn, mit dunklen Haaren, dunklen Augen und olivfarbener Haut gezeichnet, beginnt eine Odyssee durch zahlreiche Dörfer der Gegend, von einem vermeintlichen Gönner nach dem anderen jeweils für ungewisse Dauer aufgenommen. So wird er Zeuge und Opfer rudimentären Aberglaubens, der nichts als Abscheu, Hass und Brutalität erzeugt. Fassungslos und erschüttert lesen wir diese traumatische, eindrückliche Beschreibung des Lebens auf dem Land in dieser grausamen Zeit aus der Sicht eines kleinen, unschuldigen Kindes. Kosinskis Roman, erstmals 1965 in Amerika erschienen, machte seinen Autor über Nacht berühmt und wurde schnell zum Kultroman. Zum ersten Mal in den sechziger Jahren in Deutschland erschienen, liegt er nun endlich wieder in einer leicht überarbeiteten Übersetzung vor.
Arche Verlag, 394 Seiten, € 19,90
Eugene McCabe, Tod und Nachtigallen
Nordirland im Jahr 1883. Beth Winters wird 25. Nur an diesem einen Tag spielt der Roman. Beth will mit ihrem Liebhaber an ihrem Geburtstag fliehen, nach einem Plan, den sie sich beide ausgedacht haben. Entfliehen einer kleinen, unheilen, enklavenhaften, archaischen Welt und einem herrischen, trunksüchtigen Vater, einem sehr reichen Grundbesitzer, den sie nicht mehr länger ertragen will. Gespickt mit Rückblicken auf ihre familiären Geheimnisse, bei welchem die verstorbene Mutter eine wichtige Rolle spielt, entwirft Eugene McCabe ein Psychogramm dieser Vater – Tochter Beziehung voll unterschwelliger Aggression, dessen Spannung den Leser in süchtige Höhen treibt. Perfekt.
Eugene McCabe, 1930 geboren, ist in Irland und der angelsächsischen Welt bekannt geworden als Dramatiker. Sein bisher einziger Roman „ Tod und Nachtigallen“ ist lt. Colm Toibin „eines der größten irischen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“ und gilt bereits heute als Klassiker der irischen Literatur.
Steidl Verlag, 296 Seiten, € 19,90
Nancy Mitford, Landpartie mit drei Damen
In der idyllischen englischen Kleinstadt Chalford findet sich in den 1930er Jahren eine bunte Gesellschaft zusammen. Zwei junge Dandys aus London suchen nach Ehefrauen mit großer Mitgift, eine junge Adlige flieht vor ihrem Verlobten, ihre Vertraute versteckt sich vor ihrem untreuen Mann, die junge Erbin Eugenia skandiert faschistische Parolen vor den Bauern des Dorfes. Ihre Großmutter dagegen befürchtet, das Kind würde ewig unverheiratet bleiben, wo es doch die Schande einer Scheidung der Eltern tragen muss! Nach dem Grundsatz, dass nichts so wichtig sei, dass man nicht darüber lachen könnte, parodiert Nancy Mitford in ihrem unterhaltsamen Gesellschaftsroman (erstmals erschienen 1935) den englischen Standesdünkel ebenso wie die Schwärmerei ihrer beiden Schwestern für Adolf Hitler. Warmherzig, spöttisch, schön!
Verlag Graf, 256 Seiten, € 16,99
Judith Perrignon , Kümmernisse
Paris, 1967: Die zweiundzwanzigjährige Helena begeht mit ihrem Liebhaber, einem Jazz-Musiker und Weltenbummler, einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Er kann fliehen. Sie weigert sich den Namen ihres flüchtigen Komplizen zu nennen und wird zu fünf Jahren Haft verurteilt. Im Frauengefängnis La Petite Roquette bringt sie Monate später ein Kind zur Welt, Angèle. Helenas Mutter Mila nimmt das Mädchen zu sich, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Enkeltochter und versucht über Briefe an Helena die Verbindung aufrecht zu erhalten. Doch Helena bleibt stumm. Selbst als sie aus dem Gefängnis entlassen wird, empfindet sie keine Liebe für ihre Tochter. Zwar nimmt sie das Kind zu sich, steckt es kurze Zeit später aber wieder in ein Internat. Wer ihr Vater war, wohin er geflohen ist und warum Helena sich von dieser kurzen Liebe ein Leben lang nicht lösen kann, bleibt für Angèle unerklärlich. Nach Helenas Tod stößt sie auf einen Zeitungsartikel über den Prozess von damals und nimmt Kontakt zu dem Journalisten auf, der den Prozess verfolgt hat. Dieser hilft ihr, mehr über ihren Vater zu erfahren. Ihre Suche beginnt endlich in New York. Der Roman setzt sich überwiegend aus Erinnerungen, Reflexionen, Monologen und Briefen zusammen, dadurch entstehen eine sehr dichte Atmosphäre und feinfühlig gezeichnete Figuren.
Wagenbach Verlag , 192 Seiten, € 18,90
Klaus Pohl, Die Kinder der preußischen Wüste
„Wer immer in mir wohnt, ich meine nicht mich, ich meine den Menschen in mir, wird nicht zufrieden sein, bevor er alles los ist, auch sich selbst.“Shakespeare König Richard II. , Übersetzung von Thomas Brasch. Kennen Sie noch Thomas Brasch? Erinnern Sie sich noch an seine Filme? „Engel aus Eisen“, „Domino“, seinen Gedichtband „Der schöne 27. September“, seine Textsammlung „Kargo“, seine Theaterstücke „Lovely Rita“, „Rotter“, seinen Prosatext „Vor den Vätern sterben die Söhne“? Das alles war Kult in den 70ern und 80ern. Das haben wir verschlungen, diskutiert, nächtelang. Anfang 2000 hat Brasch noch einmal aus seinem letzten Prosatext „Mädchenmörder Brunke“ bei mir gelesen, in der Orangerie, bereits gezeichnet von seiner Krankheit und Drogensucht. Einen Text von fast 10000 Seiten, den ihm sein Verlag auf knapp 100 Seiten zusammengestrichen hat. Eine denkwürdige Veranstaltung in dieser Zauberhalle in der Südstadt war das, als er uns daraus vorlas. Ein Jahr später ist er in Berlin gestorben.Klaus Pohl war ein sehr guter Freund von ihm. Er legt mit „ Die Kinder....“ einen schon lange angekündigten Roman vor, der zum Furiosesten und Eindrucksvollsten gehört, was ich seit langem gelesen habe. Atemlos jagt er uns durch die Lebensgeschichte dieses Mannes, durch 45 Jahre DDR Geschichte und Lügen, durch Leidenschaft und Liebe, Sehnsucht und Verzweiflung, Selbstsucht und Größenwahn, Selbsttäuschung und Selbstzerstörung. Und es gelingt ihm, uns zu verdeutlichen, dass dadurch eines der großen Werke der deutschen Nachkriegsliteratur entstanden ist. Lesen Sie diesen Roman und lesen Sie die Texte von Brasch, schauen Sie seine Filme, wieder oder zum ersten Mal. „Ich nehme meinen Hut – und bleibe“ waren die letzten Worte von Thomas Brasch.
Arche Verlag, 495 Seiten, € 24,90
Olga Tokarczuk, Der Gesang der Fledermäuse
Janina ist die Ich-Erzählerin in dem neuen Roman der polnischen Autorin, der Reales und Rationales, Krimielemente, aber auch Mythisches und Phantastisches kunstvoll mischt. Janina lebt in einem kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze. Einsam ist es dort, die wenigen Häuser werden von ihren Besitzern zumeist nur im Sommer bewohnt, im Winter kümmert sich Janina um die verlassenen Anwesen. Der schrulligen älteren Frau ist die Abgeschiedenheit recht, sie kommt mit Tieren besser zu recht als mit Menschen. Sie verdient ein bisschen Geld als Englischlehrerin in der benachbarten Stadt, übersetzt mit einem Freund Verse des Naturmystikers William Blake, dem sie sich verwandt fühlt, und setzt alles auf Erden in Bezug zu den Sternen und Planeten, von der Einflussnahme der Planeten aufs Fernsehprogramm bis zur voraussehbaren Sterbestunde von Menschen. In ihrem Kosmos ist nichts zufällig, nichts profan, alles lebt in allem. Zornig wird sie über die Zerstörung von Natur und das Töten der Tiere durch die Jagd in den umgebenden Wäldern, aber ihre Beschwerden werden ignoriert. Bis eines Tages ein Nachbar tot aufgefunden wird, auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Weitere merkwürdige Todesfälle folgen. Janina ist überzeugt, dass sich die Tiere rächen.
Schöffling & Co. , 345 Seiten, € 22,95
Iwan Turgenjew, Väter und Söhne
Arkadij Kirsanow und sein Freund Jewgenij Basarow, ein junger Mediziner, besuchen Arkadijs Vater, einen liberaldemokratischen Gutsherrn und seinen Onkel. Barasow sagt von sich selbst, er sei Nihilist. Kein Prinzip ist ihm heilig, alle Werte und Normen will er aufgeben, um Platz für Neues zu schaffen. Nach einigen Auseinandersetzungen mit den Alten und einem Duell mit Arkadijs Onkel Pawel, einem typischen Slawophilen mit aristokratischen Ansichten, verlassen die beiden jungen Männer lieber den Hof, um Anna Odiznowa aufzusuchen. Sie ist eine sehr attraktive, wohlhabende Witwe, der der sonst so beherrschte und nüchterne Basarow nicht widerstehen kann. Der Nihilist verliebt sich sofort und leidenschaftlich in sie. Zwischen den Liebenden wird eine so wunderbare Spannung aufgebaut, dass man sich beim Lesen wünscht, unbedingt wieder selbst verliebt zu sein. Obwohl der Titel des Buches auf einen klassischen Generationenkonflikt schließen lässt, ist dieser doch nicht alles, was sich in diesem wunderschönen Roman verbirgt. Basarows Entwicklung zeigt auf, wie lebensunpraktisch der Nihilismus ist. Turgenjew zeichnet die Charaktere sehr lebensnah und echt, erzeugt Sympathie, Mitleiden und Spannung. Dieses Buch ist ein Sittenbild Russlands im 19. Jahrhundert: Familienleben, Generationenkonflikte, Liebe, Leid, Religion, Duelle und Leidenschaft, alles finden wir großartig gezeichnet vor. Ein wirklicher Klassiker der russischen Literatur von zeitloser Qualität.
Artemis & Winkler, 309 Seiten, € 39,90
Edith Wharton, Ein altes Haus am Hudson River
Der junge Vance Weston, Sohn eines Immobilienspekulanten, wächst wohlbehütet in der amerikanischen Provinz Euphoria, Illinois, auf. Die Familie verdankt ihren Wohlstand den Immobiliengeschäften des Vaters. Armut kennt Vance nur vom Hörensagen. Sein Wunsch, Schriftsteller zu werden, führt den sensiblen 19-Jährigen mit der lebhaften Fantasie und der Liebe zur Literatur, insbesondere der Lyrik, in das New York der Roaring Twenties, in die Metropole des Geistes und der Literatur, aber auch der Macht und des Geldes. Zunächst als Liebling der Intellektuellen gefeiert und umschwärmt, folgt allzu bald die große Ernüchterung. Vance muss feststellen, dass der New Yorker Literaturbetrieb ein Netzwerk von Insidern ist, das die jungen Talente ausbeutet und ruiniert. Jetzt erfährt auch er am eigenen Leib, wie sich Armut anfühlt, denn er kann sich das Leben in der Großstadt an der Seite seiner kränklichen, ihm intellektuell nicht gewachsenen Ehefrau Laura Lou, nicht mehr leisten und zu bloßen journalistischen Brotarbeiten ist er nicht bereit. Ein Kampf um Grundsätze, Prinzipientreue und das nackte Überleben beginnt. In dieser Situation bietet ihm nur ein einziger Mensch Halt: die umsichtige Héloise Tarrant, Ehefrau seines Verlegers, die wie er um Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ringt. Vance hasst Kompromisse, sucht immer häufiger Héloise' Kritik und Rat. Die Bibliothek von ’’The Willows’’, einem alten Haus hoch über dem Hudson River, wird zu ihrem Treffpunkt. Durch Héloise findet er wieder den Mut zu schreiben; sie inspiriert ihn, wird seine Muse. Die Atmosphäre verdichtet sich, knistert, eine sich mehr und mehr aufladende erotische Spannung zwischen den beiden geistesverwandten Menschen entsteht. Ein packender Roman über Aufstieg und Fall, erstmals ins Deutsche übersetzt.
Manesse Verlag, 612 Seiten, € 26,95
Sachbuchtipps
Peter Ackroyd, Venedig – Die Biographie
Venedig - Mythos, Mysterium und pure Schönheit. Peter Ackroyds romantisches wie auch faktenreiches Buch lässt die unvergleichliche Atmosphäre der Lagunenstadt lebendig werden. Jedes Jahr besuchen über zwanzig Millionen Menschen diese mythische Stadt. Ackroyd greift in seiner einzigartigen Biographie die mit Venedig verbundenen Bilder und Emotionen auf und unterlegt sie mit zahllosen Fakten und überraschenden Informationen. Dabei spannt er den Bogen über sechzehn Jahrhunderte, von den ersten Bewohnern, die in der Lagune Zuflucht suchten, bis zu den Touristenströmen, die heute die Stadt überfluten. Alle beschwört er herauf: die Händler im Rialto und die Juden in ihrem Ghetto, die Glasbläser von Murano und die großen Malerfürsten Bellini, Tizian, Tintoretto und Tiepolo, die mächtigen Dogen und die stolzen Adeligen. Nichts, weder Kriege noch Pest, weder ökonomische Krisen noch ökologische Katastrophen, vermochten den Willen dieser Stadt zu brechen und machen La Serenissima zu einem Sehnsuchtsort ohnegleichen.
Knaus Verlag, 590 Seiten, € 39,99
Bernd Brunner, Mond. Die Geschichte einer Faszination
Vom Mond sind die Menschen seit Jahrtausenden fasziniert. Was wäre die Erde ohne den Mond? Der Kulturhistoriker Bernd Brunner spürt den Wirkungen auf Naturphänomene, der Mondbetrachtung und -kartierung sowie der Rolle des Mondes in unserer Gedankenwelt nach. Wissenschaft, Dichtung und Mythen kommen gleichberechtigt zu Wort. In die bildende Kunst, in die Musik hat das rätselhafte Licht am Nachthimmel Eingang gefunden. Auch über die Geschichte großer Astronomen und Forscher erfahren wir viel. Brunner erzählt anschaulich, wie der Mond dem Forscherdrang und der Vorstellungskraft der Menschen Flügel verlieh. Die moderne Raum- und Mondfahrt hat der Faszination keinen Abbruch getan.
Kunstmann Verlag, 320 Seiten mit zahlreichen Skizzen, € 19,90
Artin Gayford, Mann mit blauem Schal
Ich saß für Lucian Freud - Ein Tagebuch
Am 28. November 2003 fragt Martin Gayford bei Lucian Freud an, ob er sich denn vorstellen könne, ihn zu portraitieren. Die Antwort kam überraschend prompt: "Würde es Ihnen an einem Abend nächste Woche passen?" Was folgt, ist ein Tagebuch der Treffen, acht Monate dauernd, in denen Gayford Freud Modell saß: in derselben Kleidung, im selben Sessel, vor demselben verschlissen schwarzen Vorhang im Londoner Atelier des Künstlers. Anders als Francis Bacon, der in einem Atemzug mit Freud genannt wird, beschäftigt sich Lucian Freud direkt mit seinem Modell, von Angesicht zu Angesicht, in vertrauten Gesprächen während des Malens und bei einem anschließenden Abendessen. Und genau das macht den Zauber dieses Tagebuches aus: wann immer Freud mit einem Portrait beginnt, kann er nicht anders: er muss sich seinem Gegenüber so weit nähern, ihn so weit „öffnen“, bis sich für ihn alle Facetten seiner Seele auf der Leinwand widerspiegeln und darstellen lassen.
Piet Meyer Verlag, 247 Seiten, € 28,40
Heinz Held, Köln in Wirtschaftswunderzeiten
Hrsg. Dr. Werner Schäfke
Von den Trümmerzeiten an bis in die Mitte der 70er Jahre hat Heinz Held (1918-1990), Fotograf und Schriftsteller, Köln porträtiert. Seine Bilder spiegeln die Epoche der Beschleunigung und Expansion wider, zu erkennen in Gebäuden, Straßen und Architektur ebenso wie in den Gesichtern der Menschen, die diese Stadt bevölkern und beleben. Mit seinem Blick für die Magie des Alltags, für den Zauber der kleinen Dinge, hat er ein Panorama der Stadt und der Zeit geschaffen. Der Bildband lässt die Ära des Wirtschaftswunders wieder lebendig werden, weckt Erinnerungen und hilft, die Gegenwart der Stadt besser zu begreifen. Köln in über 200 einzigartigen Fotos.
Emons Verlag, 320 Seiten, € 49,00
Ilja Ilf & Jewgeni Petrow, Das eingeschossige Amerika
Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, als "Ilf und Petrow" berühmt und mit ihren satirischen Romanen literarische Stars der frühen Jahre der Sowjetunion, durchquerten mehrere Wochen lang Amerika. Von Oktober 1935 bis Januar 1936, von Ost nach West und wieder zurück, ihr mausgraues Ford-Automobil brachte sie 16.000 km durch mehrere hundert Städte. Sie ’’erlebten die Indianer, sprachen mit jungen Arbeitslosen, alten Kapitalisten, radikalen Intellektuellen und revolutionären Arbeitern, mit Dichtern, Schriftstellern und Ingenieuren", sie besuchten kulturelle, soziale, industrielle Institutionen und fotografierten mit ihrer Leica-Kamera auf der Höhe der Fotokunst ihrer Zeit. "Eine der schönsten Reportagen, die je über Amerika geschrieben wurden." (Karl Schlögel ) Erstmals ins Deutsche übersetzt. 2 Bände im Schuber mit zahlreichen Abbildungen, Band 320/321 der Anderen Bibliothek.
Eichborn Verlag, 693 Seiten, € 65,00
Karl Lippegaus, John Coltrane - Biographie
John Coltranes Leben war: Jazz. Niemand erkundete sein Instrument so tief und so besessen wie der Saxophonist aus North Carolina in den nur zwölf Jahren seiner beispiellosen Karriere. Als er 1967 mit 40 Jahren starb, hinterließ er ein musikalisches Universum, dessen Faszination bis heute ungebrochen ist. Coltranes Einfluss beschränkte sich nicht nur auf den Jazz, sondern erfasste auch große Teile der progressiven Rockmusik: Bands wie Cream und Grateful Dead fühlten sich durch ihn zu langen kollektiven Improvisationen animiert. Lippegaus zeichnet in seinem Buch das Porträt des größten Saxophonisten des Jazz anhand seiner musikalischen Entwicklung nach. Vom schüchternen Sideman im Quintett von Miles Davis bis zum Künder einer spirituellen "höchsten Liebe" - der Love Supreme, nach der er sein bedeutendstes, heute millionenfach verkauftes Album benannte. Der Autor erkundet den Kosmos Coltrane, verführt zum Hören seiner Musik und erzählt nebenher zahllose Geschichten vom Jazz. Mit zahlreichen Fotos.
Edel Verlag, 317 Seiten, € 29,95
Neil MacGregor, Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten
Was uns eine steinerne Säule über einen großen indischen Herrscher erzählen kann, der seinem Volk Toleranz predigt, was spanische Dukaten uns über die Anfänge der globalen Währung verraten, oder was ein viktorianisches Teeservice uns über die Macht des Britischen Empires offenbart. Neil MacGregor, Direktor des Britischen Museums, beschreibt all diese Objekte nicht einfach nur, sondern erschließt uns durch ihre Betrachtung immer auch ein Stück Weltgeschichte. Wer den hier versammelten Dingen - vom afrikanischen Faustkeil bis zur Solarlampe Made in China - auf diese Weise begegnet, sieht die Geschichte als ein großes Kaleidoskop - kreisend, vielfältig verbunden, unentwegt voller Überraschungen. Ein intellektuelles und ästhetisches Vergnügen von der ersten bis zur letzten Seite und eines der außergewöhnlichsten historischen Bücher der letzten Jahre.’’Ich habe einfach hundert Objekte von verschiedenen Punkten unserer Reise ausgewählt - vom Kochtopf bis zur Galeone, vom Werkzeug aus der Steinzeit bis zur Kreditkarte."
Beck Verlag, 816 Seiten, € 39,95
Thierry Paquot, Die Kunst des Mittagsschlafs
Die Siesta ist mehr als ein heiteres Dämmern, sie ist ein Moment der Ruhe, der Wollust und ein Akt des Widerstands, gefeiert in Kunst und Literatur. Wer mittags schläft, entzieht sich der Fremdbestimmung, widersetzt sich den Rhythmen der Arbeitswelt und der Produktivitätsmoral. Siesta ist Individualität, Siesta ist Luxus. Paquot erzählt die Geschichte des Mittagsschlafs in verschiedenen Mythen und Kulturen. Er verfolgt seine Spur in der abendländischen Malerei und ruft auf zur Revolution: Mittagsschläfer aller Länder behauptet eure Einzigartigkeit und widersteht der globalen, der totalitären Zeit! Das ist nur der Anfang, die Siesta geht weiter!
Steidl Verlag , 92 Seiten, € 16,00
Eine Empfehlung aus der Ferne von unserem Freund und ehemaligen „Weihnachtsmann“ Arnold Thünker, der wegen familiärer Verpflichtungen in diesem Jahr leider nicht nach Köln kommen kann:
Denis Bertholet, Paul Valéry. Die Biographie
Ein Ereignis in jeder Hinsicht: die phänomenale Biographie des französischen Dichters, Schriftstellers, Philosophen und Essayisten Paul Valéry ist in Deutschland erschienen. Paul Valery wurde am 30. Oktober 1871 im südfranzösischen Sète geboren. Seine Jugend verbringt er in Montpellier. Erste Gedichte entstehen. 1894 geht der junge Valéry nach Paris, verkehrt in Künstlerkreisen, André Gide wird sein standesamtlicher, Pierre Louÿs sein kirchlicher Trauzeuge. Er lernt u.a. Debussy, mit dem er zusammen ein Ballett machen will, und Mallarmé kennen. Er reist viel und führt ein aufregendes Großstadtleben. Sein wohl wichtigstes Werk Monsieur Teste erscheint 1896. Das Fragment eines philosophischen Romans, der mit dem berühmten Satz beginnt: „Dummheit ist nicht meine Stärke.“
Valéry hat einmal geschrieben „Das Leben ist eine Erzählung“. Es scheint, als habe er so gelebt.
Insel Verlag, 660 Seiten, € 39,90