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Von Thomas Linden

Danksagungen sind gewöhnlich das, was man schnell überblättert, bevor man erwartungsvoll mit den ersten Zeilen in den Text einer Erzählung einsteigt. Selten sind sie so aufschlussreich, wie in der jetzt als zweitem Band der Edition 5Plus erschienenen Erzählung „Rausch“ von Irène Némirovsky. Die Edition wurde vor zwei Jahren von fünf literarischen Buchhandlungen ins Leben gerufen und erzielte bundesweit ein enormes Echo. Damals schlossen sich die Autorenbuchhandlung in Berlin, Felix Jud in Hamburg, Lehmkuhl in München, die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg und Klaus Bittner in Köln zu diesem Projekt zusammen, um die Schönheit des Buches in Zeiten digitaler Beliebigkeit handfest zu demonstrieren.

Der Amerikaner Louis Begley war begeistert von der Idee und schenkte den Fünfen für den ersten Band seine feine erotische Erzählung „Cowboys und Indianer“. Nun erfährt man über die Danksagung, dass der Knaus Verlag einen in Deutschland unveröffentlichten Text der 1942 in Auschwitz ermordeten Irène Nemirovsky für die Edition zur Verfügung stellte. Danach musste der Text nicht alleine durch die professionellen Hände der Übersetzerin Eva Moldenhauer gehen. Auch die Lektorin Claudia Vidoni leistete ihren Teil zum Gelingen mit einem glasklaren Nachwort, das den historischen Hintergrund zum Leben der genialen russischen Jüdin liefert, die in Französisch schrieb, aber nie die Französische Staatsbürgerschaft erhielt. An Rainer Groothuis, der die exquisite Gestaltung des kleinen Buches übernahm, wird gedacht und noch an manch andere, die bei dem Projekt halfen. Mit jedem Namen wird man als Leser in den Prozess des Büchermachens einbezogen, an dem man als Käufer und Leser letztlich auch beteiligt ist.

Das alles macht die Sache zu etwas Besonderem und besonders ist auch der Text, den  die Némirovsky 1934 schrieb und der in der kurzen Geschichte ihres Werks eine zentrale Position einnimmt. Im Winter 1917/18 verstecken sich finnische Offiziere, die zwischen die Fronten der Revolution geraten sind, in den Häusern einer Grenzstadt zur Sowjetunion. Darunter auch Yvar, der von seiner Schwester Aino, die mit einem wesentlich älteren Professor verheiratete wurde, auf dem Dachboden verborgen werden kann. Der Sturm der Revolution erfasst die Stadt, die Bevölkerung plündert die Weinkeller der Villen und Schlösser und der Alkohol entzündet eine unberechenbare Atmosphäre der Gewalt. Emotionen lodern auf, den Bruder hält nichts mehr im Versteck und Aino lässt sich mit einem attraktiven Soldaten ein. Irène Némirovsky hat diesen kollektiven Rausch selbst als Jugendliche in Sankt Petersburg erlebt, hier stellt er sich als ein Moment dar, in dem die menschliche Psyche von der Leine gelassen wird. Die Erzählung besitzt Tempo, die Bilder schieben sich atemlos ineinander. Im Stil eines expressionistischen Films spult sich das Geschehen ab und gibt einen Vorgeschmack auf die Meisterschaft, die Irène Némirovsky mit ihrem Roman „Suite Francaise“ einlösen sollte. In Köln wird Heidrun Grote diese poetische Tour de force am 19. Mai im Institut Francais (20 Uhr, Sachenring 77) vortragen.

Karten für die Lesung in der Buchhandlung Bittner, Tel. 257 48 70.

Irène Némirovsky: Rausch. Deutsch Eva Moldenhauer. Edition 5Plus, 80 S., 14,80.