PREISVERLEIHUNG JULIUS-CAMPE-PREIS

Am Freitag, den 10. Oktober 2014 wurde den Buchhändlern der 5plus auf der Frankfurter Buchmesse der Julius-Campe-Preis verliehen. Die Auszeichnung gilt Persönlichkeiten oder Institutionen, die sich auf herausragende Weise literaturkritische und literaturvermittelnde Verdienste erworben haben. Die Laudatio hielt die Literatur-Chefin der FAZ, Felicitas von Lovenberg.

Ihre Rede im Wortlaut:

Alle anwesenden Nicht-Buchhändler: bitte schließen Sie die Augen und stellen Sie sich Ihre ideale Buchhandlung vor. Wenngleich ich keine Gedankenleserin bin, wage ich zu behaupten, dass ich den Raum, den viele von Ihnen im Kopf haben, in etwa beschreiben kann: Es ist eine Art Wunderkammer, verwinkelt und nicht zu groß, zum Schauen, Staunen und Stöbern einladend. Ein Ort, wo man alte Lieblingslektüren wiederfinden und neue entdecken kann, wohin es Kinder ebenso zieht wie Greise, wo es Postkarten gibt, die man sofort verschicken möchte. Ein Refugium, wo man für sich sein und Gedanken und Erinnerungen nachhängen kann, aber ebenso gut jederzeit mit Gleichgesinnten ein freundliches Wort wechseln und ins Gespräch kommen kann. Wer Rat, Trost, Anregung oder einfach eine gute Idee braucht, kann sich jederzeit an diejenigen wenden, die in diesem Reich unauffällig schalten und walten. Als ein Amalgam aus erlebten und angelesenen Erinnerungen ist die ideale Buchhandlung außerdem ein Ort mit einer eigenen Zeitrechnung. Weil Bücher nun mal Ewigkeitsspeicher sind, ist die ideale Buchhandlung geschichtsbewusst, zeitlos und aktuell zugleich. Ihr Besuch macht glücklich, denn der Erwerb von Büchern ist eines der wenigen verbliebenen Kauferlebnisse, das ohne Kreditkartenkater und Rückgabeorgien auskommt. Bücher zu kaufen macht glücklich – nur, dass man das online nicht so merkt, weil man vorab nicht geblättert, über diesen Satz geschmunzelt oder jenen Umschlag befühlt hat und die Ware außerdem erst Tage später ins Haus trudelt (falls man nicht, um ihrer überhaupt habhaft zu werden, erst zu den Stoßzeiten und für die Dauer einer Kurzgeschichte im Postamt Schlange stehen muss).

Als Constanze Neumann fragte, ob ich Lust hätte, die Buchhandlungsgemeinschaft der 5plus zu laudieren, habe ich sofort zugesagt – aus Freude darüber, dass Winfried Weber, Marina Krauth und ihre Mitstreiter aus Baden, Berlin, Freiburg, Köln, München, Regensburg und Wien die schöne und so überaus verdiente Auszeichnung des Julius-Campe-Preises erhalten und damit den Preis ebenso sehr ehren wie er sie. Der zweite Gedanke war, ich gebe es zu, deutlich profanerer, nämlich zeitökonomischer Natur und lautete ungefähr: Nichts leichter als das! Schließlich zählt der Buchhändler unseres Vertrauens zu den ältesten und ehrwürdigsten Berufsgruppen überhaupt, und so dürfte es nicht schwierig sein, einen kleinen Streifzug durch die Literaturgeschichte zu unternehmen und die schönsten Zitate und Liebeserklärungen an Buchhandlungen und ihre Menschen zu einem prachtvollen Strauß zusammenzubinden. Dachte ich.

Als erstes fiel mir mein alter Liebling Helene Hanff ein, die mit „84, Charing Cross Road“ die Buchhandlungshymne schlechthin geschrieben hat. Dass die Brieffreundschaft zwischen der eigensinnigen und schlagfertigen Schriftstellerin in New York (eine ihrer berühmten Anweisungen lautet: „Schicken Sie Dichter, die Liebe machen können, ohne zu sabbern“) und ihrem − nun ja, sehr englischen und daher deutlich zurückhaltenderen Londoner Antiquar, begonnen in den auch in literarischer Hinsicht kargen Nachkriegsjahren, hinreißend ist, wusste ich noch. Aber eine Liebeserklärung ans Lesen und die Literatur ist eben nicht automatisch auch eine an den Ort, der einem zu diesen Freuden verhilft: „Drinnen ist es düster; man riecht den Laden, bevor man ihn sieht.“ Das schreibt die temperamentvolle Amerikanerin nach ihrem ersten leibhaftigen Besuch in der Londoner Buchhandlung Marks & Co, die sie über zwanzig Jahre hinweg mit Büchern versorgte. Viel nüchterner würde wohl auch die Beschreibung einer Amazon-Lagerhalle nicht ausfallen. Dennoch: Helene Hanffs „84, Charing Cross Road“ ist eine große Liebeserklärung an die Kunst des Buchhandels in schweren Zeiten − und darum zeitlos gültig.

Dann fand ich einen Roman über einen ganz wunderbar klingenden Buchladen, untergebracht in einem alten walisischen Fachwerkhaus, das früher ein Pub gewesen war, der Bestand einladend geordnet nach Themengebieten wie „Künstler, die ihre Gattinnen nicht nett behandelt haben“, „Geschichte – die langweiligen Perioden“ oder „Bücher, die man gelesen zu haben vorgibt, aber gar nicht kennt“. Hinterlistig mittendrin versteckt begegnete mir allerdings ein Zitat von John Locke: „Bücher sind für mich wie die Pest; wer mit ihnen handelt, wird mit etwas höchst Perversem und Brutalen infiziert. Drucker, Buchbinder, Verkäufer – oder wer sonst mit ihnen Handel treibt und seinen Gewinn mit ihnen macht −, allen ist ein so verschrobenes, verdorbenes Gemüt gemein, dass ihnen nahezu ausnahmslos jene Art des Umgangs zukommt, die sich durchaus nicht dem Wohle der Gesellschaft fügt oder auch nur dem allgemeinen Anstande, welcher die Menschheit zusammenhält.“ Ein Buchladen, in dem dieses Zitat an der Wand hängt, erschien mir nicht mehr ganz so idyllisch.

Bei der Lektüre von George Orwells Erinnerungen an seine Zeit als Buchhändler schöpfte ich neue Hoffnung. Sie währte indes nicht lang: „Als ich in einem Antiquariat arbeitete − das Leute, die nicht darin arbeiten müssen, so gern als eine Art Paradies schildern, in dem vornehme ältere Herren unermüdlich in alten, kalbsledergebundenen Folianten schmökern −, fiel mir vor allem auf, wie selten sich echte Büchernarren dort blicken ließen.“ Und er fährt fort: „Unser Laden besaß einen außergewöhnlich interessanten Bücherbestand, doch ich zweifle daran, ob auch nur zehn Prozent unserer Kunden ein gutes von einem schlechten Buch unterscheiden konnten.“ Überhaupt macht Orwell sehr deutlich, dass Kundschaft in einem Buchgeschäft nicht unbedingt frohe Kunde bedeutet: „Die meisten der Leute, die zu uns kamen, gehörten zu der Sorte, die man überall als lästig empfinden würde, denen sich aber in einem Buchladen ein besonders günstiges Betätigungsfeld bietet. Da ist zum Beispiel die liebe alte Dame, die ‚ein Buch für einen Kranken‘ wünscht (ein sehr oft geäußerter Wunsch übrigens), und die andere liebe alte Dame, die 1897 ein so wunderschönes Buch gelesen hat und nun gern wissen möchte, ob man hier ein Exemplar davon für sie finden könnte. Unglücklicherweise kann sie sich weder an den Titel noch an den Autor oder gar den Inhalt erinnern, weiß aber noch ganz genau, dass das Buch einen roten Einband hatte.“ Um das Maß voll zu machen, ist auch bei ihm bereits die Rede von der wachsenden Bedeutung des Non-Books-Bereichs (gebrauchte Schreibmaschinen und gestempelte Briefmarken, die Sammler anziehen). Sein Fazit am Ende dieses höchst amüsanten, aber eben auch niederschmetternden Berichts: „Ob ich ein Buchhändler de métier sein möchte? Alles in allem – trotz der mir entgegengebrachten Freundlichkeit meines Arbeitgebers und einiger glücklicher Tage, die ich in dem Laden verbracht habe – nein.“

Dass das Buchhandelsgeschäft heute, in unserer Zeit von Internet-Shopping, sich entleerenden Innenstädten und schwindenden Buchlesern schwierig ist, war mir klar; in welchem Maße der Buchhandel indes auch früher schon zu kämpfen hatte, hingegen nicht. Welche Quelle man auch zu Rate zieht, eines wird deutlich: Dies ist kein Metier für Feiglinge. Aber – und das wird, wenngleich meist eher zwischen den Zeilen, ebenfalls stets deutlich: es ist ein Beruf, den ausschließlich sympathische, kluge und nachdenkliche Personen ergreifen, Idealisten oder mindestens Optimisten mit Durchhaltevermögen.

Das ist insofern nicht erstaunlich, als seit einigen Jahren wissenschaftlich erwiesen ist, was der passionierte Leser schon lange vermutete, aber nicht zu sagen wagte: Wer liest, hat nicht nur mehr vom Leben, sondern wird dadurch auch zu einem angenehmeren Zeitgenossen. Der Psychologe Keith Oatley von der Universität Toronto hat in einer Studie mit Viellesern und Nichtlesern herausgefunden, dass zumal Menschen, die regelmäßig Romane oder andere Werke der Fiktion lesen, kommunikativer und überdies erfreulich geübt darin sind, sich in andere hineinzuversetzen. Sie sind ausgeglichener als Nichtleser, belastbarer und zufriedener mit ihrer Lebenssituation – trotz des gelegentlich auftretenden Madame-Bovary-Syndroms, also der gelingen Enttäuschung über das wahre Leben im Vergleich zur Literatur. Wie hat es Voltaire so schön gesagt: „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor.“ Wenn das schon für Otto Normalleser zutrifft, ist völlig klar, warum Buchhändler die beste Gesellschaft von allen sind. Wenn wir hier und heute die Damen und Herren der „5 plus“ feiern dürfen, ist das also eine höchst persönliche Angelegenheit. Es verbindet sich mit dem Lob und der Bewunderung für Ihrer aller unermüdliche Arbeit der Dank für alle uns Kunden erwiesene Freundlichkeit und Großzügigkeit, für gute Ratschläge und besondere Entdeckungen, für Glücksmomente und Sternstunden in Buchform.

Die Zuneigung, die wir mit ihr verbinden, befeuert die Vorstellung von der Buchhandlung – die nichts mit einem Buchkaufhaus gemein hat − als romantischem Ort, ja einer Art heile Welt im Kleinen. Frank Sinatra junior – jawohl, den gibt es, und er klingt ganz wie der Papa − hat diese Art Buchhandlung besungen in dem wunderbar melancholischen „The people that you never get to love“ (You’re browsing through a second hand bookstore / And you see her in non-fiction V through Y / She looks up from World War II / And then you catch her, catching you, catching her eye), und Filme wie „Notting Hill“ oder „Email für Dich“ haben sie inszeniert. Romane über Buchhandlungen sind hingegen überraschend selten, ja, man kann sogar sagen, dass die Literatur gerade erst begonnen hat, die Buchhandlung für sich zu entdecken. Denn noch nie gab es so viele Romane über Buchhandlungen wie in diesem Jahr. Hier eine kleine und keineswegs vollständige Auswahl an aktuellen Titeln, die alle Buchhandlungen ins Zentrum rücken: „Ein Buchladen zum Verlieben“, „Das Haus der vergessenen Bücher“, „Meine wundervolle Buchhandlung“, „Ein ganz besonderes Jahr“, „Aufstieg und Fall großer Mächte“, „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“. Zugegeben: erfolgreich im herkömmlichen, in Zahlen messbaren Sinn sind diese Buchhandlungen alle nicht, denn sie gelten als anachronistisch und vom Aussterben bedroht. Aber ihre Inhaber sind Helden, und wahre Helden sind bekanntlich unsterblich.

Woher dieser plötzliche Hang zur Buchhandlungs-Handlung rührt, scheint offensichtlich. Nostalgie, die Sehnsucht nach dem guten, alten Buchladen unserer Kindheit spielt dabei eine Rolle, und weil die Buchhandlung mit Persönlichkeit, inhabergeführt und individuell, immer seltener geworden ist, möchte man sie zumindest auf dem Papier heraufbeschwören. Da erstaunt es nicht, dass die meisten der erwähnten Romane aus Amazonien, pardon: Amerika, kommen. Offenbar ist die Buchhandlung als Hort von Geborgenheit und Geheimnis, als letztes Refugium einer intakten Welt ein Motiv aus der Welt des Online-Handels. Zum Glück aber gibt es die ideale Buchhandlung bei uns nicht allein in der Fiktion, sondern in Hamburg und München, in Berlin und Wien, in Freiburg, Baden und Regensburg. Und es soll auch noch das ein oder andere Exemplar geben, das noch nicht Teil der eingeschworenen Gemeinschaft der „5 plus“ ist, aber allemal das Zeug dazu hätte.

Schon die Idee zu dieser Vereinigung belegt die These vom guten Charakter aufs Schönste. Wilfried Weber von der seit Generationen im Dienst der Leser und Bibliomanen tätigen Hamburger Buchhandlung „Felix Jud“ am Neuen Wall und seine Mitinhaberin und Co-Geschäftsführerin Marina Krauth hatten vor fünf Jahren die Idee zu diesem Zusammenschluss. Als Gleichgesinnte gewannen sie Thomas Bader von der Buchhandlung Wetzstein in Freiburg, Klaus Bittner aus Köln, Michael Lemling und Marc Schürhoff von Lehmkuhl in München und Marc Iven und Joachim Fürst von der Autorenbuchhandlung in Berlin. Inzwischen sind noch Schleichers Buchhandlung aus Berlin, Leporello aus Wien, Librium aus Baden und Dombrowsky aus Regensburg hinzugestoßen. Was sie eint, spürt man beim Betreten sofort: eine freundliche, kultivierte Atmosphäre, eine diskrete Zuvorkommenheit und die Freude an Büchern und Menschen.

Von Anfang an ging es nicht darum, einheitlicher zu werden, sondern vielmehr um die Gründung einer unabhängigen, individuellen Empfehlungsgemeinschaft, die den richtigen Leser und das passende Buch zusammenbringt. Darunter ist nicht jener Automatismus zu verstehen, mit dem man allenthalben das empfohlen bekommt, was offensichtlich ohnehin gerade geht, diese Woche also Lutz Seiler und Patrick Modiano, Helmut Kohl und Hape Kerkeling, wobei gegen diese Titel gar nichts einzuwenden ist. Bei den „5 plus“ geht es um Buchvermittlung auf höchstem Niveau. Vielleicht kann man sagen: Dort wird nicht nur der Kunde, auch das Buch wird als Persönlichkeit wahrgenommen. Schließlich soll nicht nur der Kunde mit einem guten Buch nach Hause gehen, sondern auch das Buch den richtigen Leser. Denn nur dann bewahrheitet sich der schöne alte Spruch von Greser & Lenz: „Lesen? Das geht ein, zwei Jahre gut, dann bist du süchtig.“

Daran, dass die Süchtigen und die, die es werden können, den richtigen Stoff bekommen, arbeiten die „5 plus“ unermüdlich. Jenseits der Geschäfte bietet das zwei Mal jährlich erscheinende, noble „Magazin der 5 plus“ erstklassiges Lesefutter und leistet seinen Dienst am Kunden abseits der Öffnungszeiten mit ansprechender Gestaltung, klugen und gut geschriebenen Artikeln, persönlichen Lektüreempfehlungen der Buchhändler, einem gemeinsamen Veranstaltungskalender und thematischen Schwerpunkten, auf die und deren Umsetzung man als Feuilletonist mitunter neidisch werden kann. Die Leidenschaft und Überzeugung, die hier am Werk sind, spürt man allenthalben, so auch in den Bänden der „Edition 5 plus“, die es nur bei angeschlossenen Buchläden und in limitierter Auflage gibt. Der nächste Band ist übrigens gerade in der Herstellung: Ende Oktober erscheint in der Edition eine bislang unveröffentlichte Erzählung des durch „Das Phantom des Alexander Wolf“ zu postumem Ruhm gelangten Gaito Gasdanow. Und Anfang November folgt die nächste Ausgabe des Magazins, die sich mit „Geschichte“ beschäftigen wird.

Zwei Fragen bleiben. Nämlich wie die 99 Flaschen Wein, mit denen der Preis dotiert ist, auf die acht Buchhandlungen verteilt werden, und ob die Faksimile-Ausgabe von Heines „Französischen Zuständen“ künftig als eine Art Wanderpokal fungiert. Wer will, kann das bei seinem nächsten Besuch in einem Laden der „5 plus“ in Erfahrung bringen. Aber zum Glück braucht es für die Neuanschaffung eines Buches keinen triftigeren Grund als diesen Rat Woody Allens: „Wenn ich mich schlecht fühle, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“

Felicitas von Lovenberg

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